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Ekkehard K Slut rer: Und eine Kamera in die Hände

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Der Normalkinobetrieb schaltet gerade auf Sommerloch cum Fußball-WM. Die Starts dieser Woche haben wir hier - siehe "My Name is Khan" und "Mammut" (1/2) - entweder bereits während der Gelegenheit Berlinale behandelt oder sie locken nicht unbedingt zur ausführlichen Behandlung.

Darum gibt es heute einmal etwas ganz anderes. Im Berliner Zeughaus-Kino läuft noch bis Ende Juni die Filmreihe "Spuren eines Dritten Kinos", eine der spannendsten Reihen, die in der letzten Zeit programmiert worden sind. In fünf Schwerpunkten geht es um das "politische Weltkino" (um einen Begriff von Nikolaus Perneczky aufzugreifen) unserer Zeit. Die Schwerpunkte sind: das Kino der Philippinen, Produktionen aus China, das maghrebinisch-französische Migranten-Kino, Brasilien und die nigerianische Videoproduktion, die sehr schnell den Spitznamen "Nollywood" weg hatte. Der Titel der Reihe wählt gezielt den Bezug auf das "Dritte Kino", also jenes in der Regel marxistisch inspirierte Befreiungskino der sechziger Jahre in Ländern der (noch) nicht zum liberal-demokratisch ausformulierten Kapitalismus entwickelten Welt.

Ich habe micht über die Filmreihe (per Mail) mit den vier KuratorInnen unterhalten: Cecilia Valenti (Blog), Nikolaus Perneczky (Blog), Fabian Tietke (Blog) und - last but not least - der den regelmäßigen Lesern dieser Kolumne wohl bekannte Lukas Foerster (Blog). Das Gespräch besteht aus zwei Teilen. Der erste dreht sich um Grundsatzfragen, im zweiten geht es einlässlicher um die fünf Schwerpunkte und die dafür ausgewählten Filme.

1. Teil: Grundsatzfragen


Filmstill aus Raya Martins "Indpendencia"

Eure Reihe versteht sich nicht als rein cinephil, sie will nicht einfach noch ein Quasi-Festival sein. Wie würdet Ihr den (politischen) Einsatz Eurer Auswahl im Verhältnis dazu beschreiben?


Fabian Tietke: Zum einen plädiert die Reihe schon als solche dafür, den filmischen Nationalismus, den die hiesigen Förderstrukturen nahelegen - und der alle Ebenen der Filmpolitik durchzieht -, zu überdenken. Dass die Produktion, der Verleih und die Auswertung von deutschen Filmen in erheblichem Ausmaß gefördert wird, führt viel zu oft dazu, dass sich ein filmischer Provinzialismus einstellt. Kino sollte sich zumindest dagegen wehren, nur noch als Feld der Wirtschaftsförderung zu gelten.

Daneben aber steht noch eine Reihe von anderen Überlegungen. Ronald Schernikau hat mal geschrieben: "die Welt wird am besten von denen beschrieben, die am wenigsten von ihr haben: noch." In etwa umreißt das unsere ersten Gedanken, dass gerade der Blick auf Produktionen, die auch in ihren jeweiligen Herkunftsregionen eher randständig sind, vielleicht für Überlegungen zu einem politisch interessierten Kino wichtig sein könnten.

Andererseits muss man natürlich sagen, dass das mit den Rändern ja auch eher Quatsch ist und einem nur von hier aus so vorkommt. Die Filme, die wir zeigen kommen aus einigen der Länder mit dem größten Wirtschaftswachstum, fast alle Länder sind in den jeweiligen Regionen extrem wichtig.


Filmstill aus Jose Mojica Marins "Embodiment of Evil"

Welches Publikum erhofft, erwartet, habt Ihr? Gibt es Diskussionen nach den Filmen? Wie diskursfreudig scheinen die Besucher - aber auch die Medien -, wie offen für die Ästhetiken und politischen Haltungen der Filme?

Cecilia Valenti: Während unserer kuratorischen Arbeit stellte sich die Frage nach dem Zielpublikum immer wieder. Dazu gab es auch in der Gruppe unterschiedliche Meinungen, der Fokus liegt aber eher auf der inneren Schlüssigkeit der Auswahl als auf ihrer Vermittelbarkeit.

Trotzdem waren das Nebenprogramm oder eben auch eine besondere Grafik für Flyer und Plakate Versuche, ein breiteres Publikum als die Zeughauskino-Habitues anzusprechen. Deswegen die Kreuzberger Kinos Sputnik und Eiszeit, wo wir einfacher mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen glaubten. Bis jetzt finden aber nach den Filmvorführungen Diskussionen fast aussschließlich mit Bekannten oder Freunden statt, die für das Thema schon sensibilisisert waren. [Alle Spielorte der Reihe hier]

Lukas Foerster: Zunächst waren fast alle, die wir angesprochen haben, ob Kinobetreiber oder Journalisten, angetan bis hellauf euphorisch über das Projekt. Leider mussten wir dann erfahren, dass diese Euphorie doch eher selten konkrete Folgen zeitigt. Wobei wir insgesamt mit dem Presseecho nicht unzufrieden sind.

Wie brauchbar ist die Rede von einem "dritten Kino" heute, die ihr im Titel der Reihe (zustimmend?) zitiert? Ihr sagt lieber postkolonial - aber ist da nicht auch der Bezug auf die Kolonialzeit noch zu dominant gesetzt?

Nikolaus Perneczky: Uns geht es nicht darum, den Begriff des Dritten Kinos einfach aufzuwärmen und allem überzustülpen, was außerhalb Europas und der USA an politischem Filmschaffen existiert. Zunächst, weil wir das Dritte Kino als eine historische Formation betrachten: Es war einmal. Wenn sich im Weltkino der Gegenwart überhaupt noch etwas davon auffinden lässt, dann sind das, wie der Titel unserer Reihe vorschlägt, Spuren und Rückstände. Vor allem von der engen Auffassung des Politischen, wie sie die Selbstbeschreibungen des Dritten Kinos bestimmt, setzt sich das Gros unserer Filmauswahl deutlich ab. So wäre es absurd, den Maßstab der lateinamerikanischen Manifeste aus den 1960ern ganz unverwandt an die nigerianische Videofilmindustrie der letzten zwei Jahrzehnte anzulegen. Wir sind uns der Kluft, die sich dazwischen auftut, durchaus bewusst und wollen hier auch keine einfachen Kontinuitäten behaupten.


Filmstill aus Glauber Rochas "Terra em Transe"
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